„Wie setzt man die perfekte Wette, Andre Zufall?“

Profiwetter und Fußball-Analyst gibt Einblicke hinter die Kulissen

Bevor Sie heute den Wettschein ausfüllen, sollten Sie noch schnell einiges an Insiderwissen mitnehmen. Ich betreibe seit 2010 ein professionelles Wettunternehmen in Deutschland und verrate, was es für eine möglichst erfolgreiche Fußballwette zu beachten gilt. Meine liebe Frau begleitet mich dabei und führt dieses Interview.

Wie bist du auf die Idee gekommen, dass professionelles Fußballwetten ein Geschäft sein könnte?
Ich mochte schon immer Mathematik und Fußball und habe auch jahrelang selbst gespielt. Vor einigen Jahren, während der Genesungsphase einer schweren und langen Sportverletzung, ergab sich die Möglichkeit, das miteinander zu kombinieren.

Inwiefern kam da so?
Damals konnte man nur bei traditionellen Buchmachern noch mit Stift und Papier wetten. Außerdem war es nicht möglich, auf einzelne Spiele zu setzen, sondern wie beim Toto nur auf mehrere gleichzeitig. Als sich aber der asiatische Wettmarkt für Leute aus dem Westen öffnete, waren plötzlich ganz neue Wettformen möglich. Ich etwa wette nur auf das Asian Handicap. Das ist eine Wette, bei der es kein Unentschieden gibt und die daher auch besser zu berechnen ist.


Das klingt nicht so, als ob es dir jemals ums Zocken ginge?
Nein, wahrlich nicht! Ich habe nie aus Spaß gewettet oder um mir die Zeit zu vertreiben. Bei mir geht es um Wahrscheinlichkeitsberechnungen mit Hilfe mathematischer Modelle. Zocken tun auch nur Amateure indem Sie auf Sieger setzen. Ich dagegen versuche ausschließlich auf (zu) hohe Preise zu setzen. Dies gelingt natürlich nicht immer, da der Wettmarkt das manchmal auch anders sieht (lacht). 

Gegen wen wettest du eigentlich, sind die Buchmacher deine Gegner, bzw. deine Wettbewerber?
Nein, auf keinen Fall, so darf man sich das auch nicht vorstellen. Wetten sind ein Markt, auf dem sich die Kurse ständig verändern. Ich versuche Marktschwächen zu finden und zu nutzen. Der Buchmacher ist eigentlich mein Freund, denn keiner legt die Eröffnungsquote besser aus als er. Es sind dann nur die Umstände im Nachhinein, welche die Quoten durch den Markt verändern!


Was ist dein wichtigster Rat für Hobbywetter, die ihre Chancen verbessern möchten?
Am allerwichtigsten ist: Man muss sehr große Disziplin haben und seine Spiele im Detail aufzeichnen, ja, führt genaues Buch darüber, damit ihr erkennt, wenn was falsch läuft. Ich weiß, in 99,9% aller Fälle, machen Sportwetter, welche am Anfang stehen, immer und immer wieder die gleichen Fehler. Du hast Statistiken, vielleicht ein System was du verfolgst und dieses System zeigt dir, welche Partie könnte erfolgreich sein. Aber du ignorierst es immer wieder, setzt auf Wetten, welche deinem System wiedersprechen, machst im Grunde das Gegenteil was du eigentlich tun wolltest. Dann kommt es doch wieder anders, du siehst dir Wettprognosen auf zig Seiten im Netzt an und dein Bauch sagt, dass ist aber auch eine gute Wette und Zong, setzt du darauf und sie geht wieder mal nicht auf. Das müsst ihr abstellen und das geht nur mit sehr großer Disziplin. Weniger ist hier mehr. Das Netz ist voll von irren Ideen!

Warum ist das so?
Wenn man das nicht tut, erinnert man sich nur an die Fälle, in denen man richtig gelegen hat. Oder man redet sich ein, dass man einfach nur Pech hatte. Dabei gilt, dass man seine Fehler erkennt und diese in der Zukunft vermeidet. Das ist nicht einfach, die Versuchung ist groß dem Bauchgefühl nicht zu folgen. 

Wir neigen dazu, uns selbst zu täuschen?
Und zwar ganz entscheidend! Deshalb würde ich auch jedem, der systematisch wetten möchte sagen, wie lächerlich überoptimistisch Menschen in Bezug auf ihre Voraussagefähigkeit sind. Selbst bei höchst fadenscheinigen Belegen ziehen wir voller Überzeugung unsere Schlussfolgerungen. Wir mögen nämlich keine Zweifel. Das ist auch der Grund dafür, weshalb selbst bei Experten, etwa auf den Finanzmärkten, die Quote richtiger Voraussagen im Schnitt nicht weit von einer puren Zufallsverteilung entfernt ist.

Also sollte man beim Wetten sein Bauchgefühl durch etwas Systematisches ersetzen?
Selbst Experten mit langjähriger Erfahrung schneiden bei Vorraussagen - egal auf welchem Gebiet auch - schlechter ab, als eine äußerst simple Formel. Vorraussagen sollte man auch nur den einzig wahren Gott der Bibel machen lassen, denn diese treffen zu 100% immer ein! Aber zurück zum Menschen, ein berühmtes Beispiel dafür ist, ob eine Paarbeziehung halten wird. Auf der einen Seite befragte ein Psychologe die Paare ausführlich und erhob auch darüber hinaus eine Menge Informationen über deren Zusammenleben. Auf der anderen schaute man nur, wie oft die Paare in der Woche Sex haben minus wie oft sie miteinander streiten. Diese simple Formel war sehr viel besser als das, was der Psychologe voraussagte. Deshalb sagen wir auch nie, dass z.B. Manchester United das Spiel gewinnen wird, sondern: »Meine beste Schätzung ist die, dass Manchester United eine 55-prozentige Siegchance hat.«



Sollten sich Hobbywetter sich ihr eigenes Wettmodell basteln?
Warum denn nicht? Im Internet gibt es genug Vorlagen dafür, mit denen man anfangen und sie für seine Zwecke umwandeln kann.

Dann stellt sich natürlich die Frage, welche Informationen man dort einrechnet. Klassische Wettvorschauen etwa geben immer an, wie Teams in den letzten Jahren gegeneinander gespielt haben.
Serien sind tendenziell viel häufiger vom Glück geprägt, als die meisten Leute denken. Ich nenne das »Störgeräusch« im Gegensatz zum »Signal«, auf das ich hören sollten. Nehmen wir die Elfmeterschießen von England und Deutschland. England hat sechs von sieben verloren. Deutschland hat im Grunde alle Elfmeterschießen bei großen Turnieren gewonnen. Aber wenn Spiele wie früher durch Münzwurf entschieden worden wären, gäbe es möglicherweise ganz ähnliche Serien. Wir würden dann aber keine Geschichten über deutsche Effektivität erzählen. 

Die Geschichte von deutscher Effektivität ist für dich also ein Störgeräusch?
Bei allen Interpretationen besteht die Gefahr, dass sie deine Zahlen schlechter machen. Wir hatten zum Beispiel damals eine Diskussion über Borussia Mönchengladbach, nachdem sie zu Beginn der Saison in der Qualifikation zur Champions League bei Dynamo Kiew zwar gewonnen hatten, aber trotzdem ausgeschieden waren. Man konnte danach sagen, dass die Moral angeknackst ist, weil sie es nicht in die Champions League geschafft haben. Oder man behauptet, dass die Moral besser ist, weil sie nach der 1:3-Heimniederlage ein gutes Auswärtsspiel gemacht hatten. Die lange Reise in die Ukraine war wegen der Belastung negativ, oder die gemeinsame Reise hat die Harmonie im Team wachsen lassen. Man kann immer Faktoren finden, die stimmig sind. Aber wenn man sie in das Modell einzurechnen versucht, machen sie es möglicherweise kaputt, also ignoriert man das besser.

Für dein Wettmodell sind sogar die letzten Ergebnisse einer Mannschaft fast unwichtig. Viele Fans werden das kaum nachvollziehbar finden.
Ja, das stimmt! Resultate sind völlig unwichtig und sie sind mehr Störgeräusch, als gemeinhin angenommen.

Weil es oft einfach Glück ist, dass ein Ball an den Innenpfosten geht oder ins Tor?
Glück ist sowieso im Fußball ein ganz entscheidender Faktor, weil es so wenig Treffer gibt. Das Spiel wird mit 50% vom Glück gesteuert. Die anderen 50% beziehen sich auf die Leistungsstärke der Teams. In den letzten Jahren ist etwa die Deutsche Meisterschaft einmal von der viertbesten und einmal von der drittbesten Mannschaft gewonnen worden, 2007 vom VfB Stuttgart und 2009 vom VfL Wolfsburg. Damit meine ich nicht, dass diese Mannschaften über ihren Möglichkeiten gespielt oder ihr Potential mehr als die Konkurrenz ausgeschöpft haben. Nein, sie waren von ihren Leistungen her, wie wir sie sehr präzise zu erfassen glauben, Dritt- oder Viertbeste. Der Rest von beiden war Glück, anders als im letzten Jahrzehnt, wo alle leistungsstärksten Teams den Titel gewonnen haben. 

Das ist aber eine steile These.
Die ich aber belegen kann! Ich mache ein eigenes Ranking, um die Qualität oder die aktuelle Form einer Mannschaft zu bestimmen. Und das ist besser als die Tabelle. Es heißt immer, dass sich Glück und Pech über den Verlauf einer Saison ausgleichen und die Tabelle nicht lügt. Aber das stimmt für die einzelne Spielpaarung einfach nicht.

Dein Ranking entsteht, indem du weniger auf die Tore als auf die Torchancen schaust, die ein Team herausspielt oder zulässt?
Ja, es geht auch um Torchancen und deren Qualität. Erwartete Tore ist ein Maß für die Qualität eines Schusses. Der xG-Wert einer Mannschaft für ein Spiel gibt an, wie viele Tore sie angesichts der herausgespielten Chancen hätte schießen können. Man sieht doch oft, dass eine Mannschaft in Führung eine Menge Torchancen zulässt. Wenn sie dann kein Tor kassiert, ist alles in Ordnung, dabei haben die Spieler haufenweise Fehler gemacht. Oder sie haben doch ein Tor reingelassen, und dann heißt es, dass die ganze Verteidigung schlecht war. Aber die Sache ist komplizierter.

Desshalb bist du auch akribischer Analyst, der die Spiele von Mannschaften systematisch erfasst und so zu einer statistischen Bewertung der Form von den Teams kommt? 
Genau! Aber die meisten Leute denken bei Statistiken an den nutzlosen Kram, der einem heute im Fernsehen um die Ohren gehauen wird. »Das ist das sechste Mal, dass er mit links ein Tor gegen eine Mannschaft in Gelb geschossen hat.« Mit der akademischen Disziplin Statistik hat das wenig zu tun. Wir benutzen den Begriff der »Voraussagebrauchbarkeit«, und da ist eine Statistik wie die genannte wertlos.



Man muss also nur die richtigen Statistiken finden? Aber welche das sind, ist dein Betriebsgeheimnis?
Klar, man kann sie finden und, nein, das konnte jeder in unseren Wettkursen lernen, ist aber zugegeben schon eine zeitlang her. Aber, als Geheimnis hatte ich das dabei nie eingestuft.

Du führtes damals auch Wettkurse durch, wie muss man sich das vorstellen?
Ja, damals. Heute bin ich einfach zu alt dafür, meine Nerven sind nicht mehr die besten (lacht). Aber es war damals eine schöne Zeit. Die Wettkurse führte ich online durch und sie hatten eine Dauer von 30 Tagen. In dieser Zeit bekammen unsere Studenten nach und nach die wichtigen Statistiken erklärt. Dazu bekam auch jeder eine Datenbank voller Daten, in der die einzelnen Parameter gerankt und zum Schluss so zusammengeführt wurden, dass der Wettende erkannte, auf welcher Seite der Quote der Value liegt. Es war auch eine tolle Erfahrung, wie die Leute so ticken. 

Auf wie viele Spiele wettest du jede Woche?
Ich decke derzeit 5 Topligen ab. Diese Anzahl reicht mir aus, da ich in jedem Spiel in die Detailanalyse eintauche, das braucht Zeit und zwar die ganze Woche jeden Tag stundenlang! Dabei kommen am Ende ca. 4 bis 6 Spiele heraus, welche sich sharp zur Tippabgabe qualifizieren können. 

Wird inzwischen automatisiert auf Spiele gesetzt?
Es wird immer automatisierter, aber, und das sage ich ganz deutlich, den Fußballfachman benötigt man weiterhin!  Wenn ich in der Bundesliga live bei einem Spiel vor Ort bin, bekomme ich immer wieder kleinste Details über taktische finessen, oder auch über das Verhalten einzelne Spieler in bestimmten Situationen mit, welche die automatisierten Daten gut ergänzen können. 

Wie viele Wetten gehen trotz des großen Aufwands daneben?
Das sind eine ganze Menge, wie ich sagte, werden 50% des Spiels durch Glück bzw. Pech entschieden. Bekommst du gegen ein Team, auf welches du gesetzt hast früh eine Rote Karte, dann war das bereits! 

Wann ist eine Woche erfolgreich?
Ich schauen gar nicht auf Wochen, eher auf das Jahr. Wettgewinne können sich nur langsam entwickeln und es benötigt dazu ein größere Anzahl an Wetten – schon alleine auf Grund der Varianz! Um die Frage zu beantworten, wenn ich mehr als die Hälfte der Wetten gewinne. Das ist mein Ziel. Ich liege so um die 55% in all den Jahren. 

Welche Hinweise für Hobbywetter kannst du noch geben?
Ganz entscheidend ist: Man muss schauen, wo man für seine Wette die bestmögliche Quote bekommt. Da man vermutlich sowieso wenig gewinnt, ist das umso wichtiger. Außerdem sollte man Konten bei möglichst vielen Buchmachern haben, und man muss auf die Gebühren schauen, damit man dort nicht das mehr bezahlt, was man vorher gespart hat.

Würdest du schon früh auf ein Spiel setzen?
Nein, ich setze erst kurz vor dem Spieltag. Die Quoten werden genauer. Wenn ein Spiel am Samstag stattfindet, bieten einige Buchmacher am Sonntag zuvor bereits die Quoten an. Man findet aber einen noch sehr limitierten Markt vor, das bedeutet, man kann keine höheren Beträge einsetzen. Spürbare Gewinne kann man nur durch hohe Umsätze generieren. 

Sollten Hobbywetter früh einsteigen?
Ja, sie sollten möglichst früh setzen, weil die frühen Quoten besser zu schlagen sind als die kürzer vor Anpfiff. Sie sollten sich außerdem auf eine Liga spezialisieren, die eine Nische gegenüber einer Topliga ist, etwa die Dritte Liga in Deutschland. Und wenn man eine Begründung dafür gefunden hat, warum man eine bestimmte Wette abschließen will, muss man sich fragen: Warum bekomme ich diese tolle Quote? Man muss sich selbst gegenüber immer skeptisch bleiben.